Warum Regeln sich besser erzählen lassen – und unser Gehirn das sogar will

Es ist Montagmorgen, halb zehn. Jonas steht vor seinem Team. Vor ihm flimmert die PowerPoint-Folie, die er am Abend zuvor zusammengeschustert hat: Zahlen, Prozessabläufe, ein paar grün-gelbe Diagramme. Er will etwas richtigstellen – ein Datenschutzverstoß, der seinem Team unterlaufen ist. Nicht aus bösem Willen. Aber aus Unachtsamkeit.
Die Gesichter vor ihm? Ausdruckslos.
Der Moment? Kalt.
Die Botschaft? Kommt nicht an.
Jonas merkt das. Und er tut etwas Ungewöhnliches.
Er klappt seinen Laptop zu, schaut seine Kolleg:innen an und beginnt:
„Ich erzähl euch kurz, was das mit meiner ersten Stelle zu tun hat. Damals hat ein einzelner Datensatz …“
Und plötzlich: Stille. Köpfe gehen hoch. Alle hören zu.
Warum? Weil Jonas aufgehört hat, zu erklären – und angefangen hat, zu erzählen.
Und damit sind wir mitten im Thema:
Warum funktioniert Storytelling in der Compliance-Kommunikation – und was hat unser Gehirn damit zu tun?
Geschichten sind das Betriebssystem unseres Denkens
Wir Menschen sind nicht dafür gemacht, Regeln zu lernen. Wir sind dafür gemacht, Sinn zu erkennen. Und Sinn transportieren wir seit Anbeginn durch Geschichten.
Egal ob am Lagerfeuer, auf Social Media oder in Führungskommunikation – Geschichten haben eine Struktur, die unser Gehirn liebt:
- Eine Figur, mit der wir mitfühlen
- Ein Problem, das gelöst werden will
- Und ein Ausgang, der uns etwas beibringt
So einfach – und so effektiv.
Was in Deinem Kopf passiert, wenn Du eine Geschichte hörst
Wenn Du eine Geschichte hörst, passiert mehr, als Du denkst. Es ist, als würde ein innerer Projektor angehen – Bilder entstehen, Emotionen werden wach, Erinnerungen verknüpfen sich. Und das ist kein Zufall, sondern neurobiologisch erklärbar:
Das limbische System feuert
Hier sitzt unser emotionales Gedächtnis – und dort wird entschieden, ob etwas „wichtig“ ist. Gute Geschichten sprechen die Amygdala an, die u. a. für emotionale Reaktionen wie Angst, Empathie oder Erleichterung zuständig ist. Wenn Jonas erzählt, wie es damals war, wird in uns etwas aktiviert – obwohl wir es gar nicht erlebt haben.
Die Spiegelneuronen springen an
Diese Nervenzellen lassen uns mitfühlen, als wären wir selbst Teil der Geschichte. Wir erleben innerlich mit, was die erzählende Person fühlt. Das ist Empathie auf neuronaler Ebene – und einer der Gründe, warum wir Geschichten so intensiv erleben.
Neuronale Kopplung
Forschende haben herausgefunden: Wenn jemand erzählt und andere zuhören, synchronisieren sich die Gehirne – dieselben Areale sind aktiv. Das bedeutet: Kommunikation wird durch Geschichten nicht nur effizienter, sondern auch gemeinschaftlicher. Wir erleben – im wahrsten Sinne – das Gleiche.
Fakten erzählen – aber keiner merkt sie sich? Warum Geschichten haften bleiben
Du erinnerst Dich bestimmt an eine bewegende Szene aus einem Film, oder an eine Geschichte, die Dich als Kind geprägt hat.
Aber erinnerst Du Dich an die fünfte Unterüberschrift im letzten Compliance-Handbuch?
Wahrscheinlich nicht.
Warum? Weil Fakten oft isoliert stehen. Geschichten hingegen verknüpfen Inhalte mit Bedeutung und Emotion. Und damit auch mit Langzeitgedächtnis.
Bei spannenden oder emotionalen Geschichten wird Dopamin ausgeschüttet – das Belohnungshormon. Es macht uns aufmerksamer, erhöht die Merkfähigkeit und „markiert“ Informationen als relevant.
Kurz gesagt:
Was unter die Haut geht, bleibt im Kopf.
Und das ist ein unschätzbarer Vorteil für jede Form von Kommunikation, die wirken will – besonders in Compliance.
„Die kürzeste Verbindung zwischen zwei Menschen ist eine Geschichte.“
Hanns-Josef Ortheil (*05.11.51), deutscher Schriftsteller, Drehbuchautor, Germanist, Hochschullehrer und Pianist
Was das für Deine Arbeit bedeutet
Stell Dir vor, Du willst in Deiner Organisation auf Interessenkonflikte aufmerksam machen.
Du kannst eine neue Richtlinie formulieren.
Oder Du kannst sagen:
„Anna arbeitet im Einkauf. Nebenberuflich berät sie ein Start-up – und bewertet dort dieselben Dienstleister, mit denen sie im Unternehmen verhandelt. Noch hat sie das niemandem erzählt …“
Mit so einer Szene beginnt ein Dialog.
Du schaffst einen Raum für Reflexion – und die Aufmerksamkeit gehört Dir.
Nicht, weil Du belehrst. Sondern, weil Du eine Verbindung herstellst.
Und was sagt die Forschung?
- Emotionale Geschichten aktivieren mehr Gehirnareale als nüchterne Fakten
- Oxytocin, das sogenannte „Empathie-Hormon“, wird bei guten Geschichten verstärkt ausgeschüttet – und erhöht Vertrauen
- Inhalte werden länger behalten und mit größerer Wahrscheinlichkeit umgesetzt
- Zuhörende verhalten sich nach emotional erzählten Geschichten nachweislich hilfsbereiter, offener und verbindlicher
Diese Effekte sind wissenschaftlich belegt – u. a. durch Studien von Paul Zak, dem NeuroLeadership Institute, sowie neurowissenschaftlichen Untersuchungen mit fMRTs.
Wie Du Storytelling lernst – ohne Schauspielausbildung
Die gute Nachricht: Du brauchst keine Rhetorik-Schulung und kein Talent für Bühnenmonologe.
Was Du brauchst, ist ein Werkzeugkasten.
Zum Beispiel:
- Eine einfache Struktur (z. B. „Held – Konflikt – Wendung – Lösung – Botschaft“)
- Praxisnahe Vorlagen
- Zeit zum Üben und Reflektieren
- Und jemanden, der Dir den Raum gibt, es auszuprobieren
Genau das bekommst Du in meinem Workshop „Storytelling Basics“ in der Compliance Journey Sommerakademie.
Dort entwickelst Du Deine erste eigene Mini-Story – und lernst, wie Du sie sicher in Schulung, Gespräch oder Newsletter einsetzt.
Fazit: Kommunikation, die berührt, bewegt – und bleibt
Compliance bedeutet Verantwortung.
Aber Verantwortung allein reicht nicht.
Wer wirklich etwas bewegen will, muss gehört werden.
Und Gehör finden wir nicht mit Verordnungen.
Sondern mit Geschichten.
Denn Menschen folgen Menschen – nicht Paragrafen.
Wenn Du also das nächste Mal vor Deinem Team stehst, frage Dich nicht nur:
„Was will ich sagen?“
Sondern auch:
„Wie kann ich es erzählen?“
Vielleicht beginnt es mit:
„Ich erzähle euch kurz, was das mit mir zu tun hat …“
Hier erfährst Du mehr über den Workshop Storytelling Basics – und wie Du Deine Compliance-Kommunikation neu denken kannst.
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