Vom Folgen zum Navigieren

Julia Bach

Compliance ohne innere Haltung ist nur Kontrolle

Wenn Menschen früher auf Reisen gingen, war die Vorbereitung eindeutig:
Man studierte Karten.
Man folgte festgelegten Routen.
Und man wich besser nicht davon ab.

Denn Abweichung bedeutete Risiko.
Verirrung.
Im schlimmsten Fall: Scheitern bis hin zur Lebensgefahr.

So ähnlich war lange Zeit auch unser Verhältnis zu Regeln.

Regeln als Landkarten einer vermeintlich stabilen Welt

In der Antike, im Mittelalter und weit hinein in die frühe Neuzeit hinein wurden Regeln als verbindliche Wegbeschreibungen verstanden. Sie sagten nicht nur, was erlaubt war, sondern vor allem, was nicht.

„Dura lex, sed lex“, sagten die Römer – das Gesetz ist hart, aber es ist das Gesetz.
Nicht, weil es gerecht war.
Sondern weil es galt.

Regeln waren Landkarten einer Welt, von der man annahm, sie sei stabil, berechenbar und vollständig erfassbar. Wer sich an die Route hielt, war auf der sicheren Seite. Wer davon abwich, gefährdete die Ordnung – und sich selbst.

Gehorsam galt als Tugend.
Abweichung als Bedrohung.

Ordnung durch Gehorsam: Ein historisches Sicherheitsversprechen

Philosophen wie Thomas Hobbes dachten Ordnung genau so: Ohne äußere Regeln, ohne eine übergeordnete Macht, so seine Überzeugung, zerfalle der Mensch in Chaos. Moral entstand nicht aus innerer Haltung, sondern aus äußerer Begrenzung.

Regeln ersetzten Vertrauen.
Kontrolle ersetzte Beziehung.
Gehorsam ersetzte Verantwortung.

Aus heutiger Perspektive wirkt dieses Denken fremd. Doch viele Organisationen tragen diese Logik noch immer in sich – oft unbewusst.

Wenn die Karte nicht mehr reicht

Doch jede Karte hat eine entscheidende Schwäche:
Sie bildet immer nur das ab, was zum Zeitpunkt ihrer Erstellung bekannt war.

Mit der zunehmenden Komplexität von Gesellschaften, Organisationen und Märkten veränderte sich die Landschaft schneller, als Regeln angepasst werden konnten. Neue Technologien, neue Geschäftsmodelle, neue Abhängigkeiten – die Welt wurde beweglicher, widersprüchlicher, unübersichtlicher.

Plötzlich reichte es nicht mehr aus, einfach nur der Route zu folgen.
Denn manchmal führte sie ins Leere.
Oder an der Realität vorbei.

Organisationen kennen dieses Phänomen gut: Regelwerke, die formal korrekt sind, aber praktisch nicht greifen. Vorgaben, die Konflikte nicht lösen, sondern verschärfen. Prozesse, die Sicherheit versprechen, aber Orientierung vermissen lassen.

Management is doing things right; leadership is doing the right things.

peter drucker (1909-2005, US-amerikanischer Ökonom österreichischer Herkunft)

Der Wendepunkt: Vom Kartenlesen zum Navigieren

An genau diesem Punkt verändert sich die Metapher.

Während Karten konkrete Wege vorgeben, erfüllt ein Kompass eine andere Funktion.
Er sagt nicht, welchen Schritt man als Nächstes gehen soll.
Er gibt keine Route vor.
Aber er zeigt zuverlässig die Richtung.

Der philosophische Wendepunkt hin zu diesem Denken findet sich bei Immanuel Kant. Freiheit, so Kant, entsteht nicht durch äußeren Zwang, sondern durch die Fähigkeit, sich selbst verbindliche Maßstäbe zu setzen.

Gehorsam gegenüber einem Gesetz, das man sich selbst gegeben hat, ist für ihn kein Verlust von Freiheit – sondern ihr Ausdruck.

Der innere Kompass: Haltung statt Regelvollzug

Übertragen auf Organisationen bedeutet das:
Regeln verlieren ihren Sinn, wenn sie nicht innerlich getragen werden.
Compliance scheitert dort, wo sie nur als äußere Kontrolle verstanden wird.
Und Integrität entsteht nicht durch Vorschriften, sondern durch Haltung.

Der Kompass steht damit für etwas grundlegend Neues:
für Selbstregulation statt Fremdsteuerung,
für Orientierung statt Detailsteuerung,
für Verantwortung statt bloßen Regelvollzug.

Moderne Compliance als Navigationskunst

In einer komplexen, dynamischen Welt ist Compliance keine starre Route mehr. Sie ist Navigationsarbeit.

Das bedeutet nicht weniger Regeln, sondern eine andere Beziehung zu ihnen.

Regeln werden zu Leitplanken.
Sie markieren Grenzen, ohne jeden Schritt vorzuschreiben.
Sie geben Halt, ohne Bewegung zu verhindern.

Entscheidend wird damit nicht mehr allein das Regelwerk, sondern die Fähigkeit der Menschen, es sinnvoll anzuwenden: Situationen einzuordnen, Zielkonflikte zu erkennen und Verantwortung zu übernehmen – auch dort, wo es keine eindeutige Antwort gibt.

Von der äußeren Ordnung zur inneren Ausrichtung

Historisch betrachtet ist das ein bemerkenswerter Lernprozess.
Über Jahrhunderte hinweg haben wir versucht, Ordnung über immer detailliertere Regeln herzustellen. Heute erkennen wir zunehmend ihre Grenzen.

Die eigentliche Herausforderung liegt nicht darin, immer neue Karten zu zeichnen.
Sondern darin, Menschen auszubilden, die navigieren können.

Menschen, die wissen, wofür Regeln da sind.
Die den Sinn hinter Vorgaben verstehen.
Und die bereit sind, Verantwortung für ihren Weg zu übernehmen – auch dann, wenn das Gelände unübersichtlich wird.

Ankunft? Oder bewusste Weiterreise

Vielleicht ist genau das die Reise, auf der sich moderne Organisationen heute befinden:
Der Abschied vom blinden Folgen vorgezeichneter Routen.
Und die Hinwendung zu einer bewussten, wertebasierten Navigation.

Mit klaren Leitplanken.
Mit einem funktionierenden inneren Kompass.
Und mit dem Mut, Verantwortung nicht an Regeln zu delegieren – sondern selbst zu tragen.

© Deine Julia Bach 2025


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Über Julia Bach

Ich bin leidenschaftliche Kommunikatorin und Brückenbauerin.

Ich teile mein Wissen zu Kommunikation und Compliance, Psychologie und Persönlichkeitsentwicklung, Führung und Kulturtransformation.

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